Evangelisches Gemeindehaus

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aufgenommen am 31.12.05

Über 250 Jahre ist jetzt das evangelische Gemeindehaus in Gimbsheim alt. Ein Haus ist ein totes Gebilde. Es wird erst mit Leben erfüllt durch die Menschen, die es bewohnen und in ihm tätig sind. So hat auch dieses Haus viele Menschen gesehen und seine eigene , wechselvolle Geschichte.

An dem alten Kellereingang finden wir die Jahreszahl 1740, das Jahr seiner Erbauung. Über der Eingangstür ist in Stein gehauen ein Familienwappen zu sehen. Es trägt die Initialen HPM, Hans Philipp Muth. Dieser war einer der angesehensten und auch begütertsten Bürger des damals etwa 800 Einwohner fassenden Dorfes Gimbsheim. Er war Gerichtsmann und vorgesehen für das Amt des Ortsoberhauptes.

Das Haus, das er baute, war das erste Steinhaus in unserem Ort. Bis dahin gab es ausschließlich Fachwerkhäuser, deren Baumaterialien alle in heimischer Gemeinde zu bekommen waren. Auch zeigte sich, daß bei dem starken Erdbeben am 18. Mai 1733 alle Fachwerkhäuser die Erschütterungen abfingen und nur wenig Sachschaden entstand. Aber Wasserschäden, Brandkatastrophen, Mißernten und Kriegslasten hatten viel von der Gemeinde gefordert. Johann Philipp Muth lieh der Gemeinde Geld, um ihr aus ihrer Not zu helfen. Drei Dokumente, die insgesamt 950 Gulden beinhalten, sind uns heute noch erhalten.

Das Haus war noch nicht ganz fertig gebaut, da starb Johann Philipp Muth plötzlich. Sein Grabstein, er ist der Zweitälteste, der noch in Gimbsheim vorhanden ist, trägt folgende Inschrift:

»Hier liegt in Gott seelig Herr Johann Philipp Muth, Gemein und Gerichtsmann in Gimbsheim, ist geboren 1698 den 18. January hat gelebt in ledigen Stand 20 Jahr, im eheligen Stand 22 Jahr, hat gezeigt 7 Kinder 5 Son und 2 Dochter, sein Alter ist gewesen 43 Jahr und ist gestorben 1741 den 5. February«.

Seine Witwe Johanna Maria Muth, eine geborene Oneth aus Alsheim, damals 41 Jahre alt, heiratete 6 Monate nach dem Tod ihres Mannes den 20jährigen Friedrich Mahlerwein. Zwei der reichsten Bürger des Dorfes heirateten, und in den Hebelisten der nach­folgenden Jahre sind sie die mit Abstand am höchsten Besteuerten. Im Jahr 1757 starb Johanna Maria. Friedrich Mahlerwein heiratete in zweiter Ehe Anna Maria Wittner, die älteste Tochter des hiesigen Pfarrers Abraham Wittner, dessen Familiengrab sich in der evangelischen Kirche befindet. Auch diese Frau und alle fünf Kinder dieser Ehe starben. Nun heiratete Friedrich Mahlerwein in dritter Ehe Johanna Charlotte, die jüngste Tochter des Pfarrers Wittner. Die Nachkommen dieser Ehe bewohnten dann unser Gemeindehaus bis zum Jahr 1920.

Nach dem Tod des Gerichtsbürgermeisters Friedrich Mahlerwein bewohnte sein ältester Sohn Johann Nikolaus das Gebäude. Es war jetzt ein großer Gutshof, der heute in mehrere Hofreiten aufgeteilt ist. Als Ende des 18. Jahrhunderts französische Revolutionstruppen in Gimbsheim lagen, war dieses Haus Lazarett für kranke und verwundete Soldaten. Nach seiner Freigabe wurde es auf Kosten der Gemeinde renoviert.

Johann Nikolaus Mahlerwein wurde 1793 kurpfälzischer Unterfauth in Gimbsheim. Er wurde also mit 24 Jahren Ortsoberhaupt, wahrscheinlich weil er gebildet war, in Heidelberg studiert hatte und die französische Sprache beherrschte. Das linksrheinische Gebiet war damals von den Franzosen besetzt. 1798 wurde er zum »Municipal Agent« ernannt, und drei Jahre später nennt er sich »Maire«. Als Gimbsheim 1816 hessisch wurde, übernahm er das Bürgermeisteramt bis zum Jahr 1831. Auf seinem Grabstein steht, daß er 38 Jahre lang unter fünf verschiedenen Regierungen die Geschicke unseres Dorfes leitete.

Politisch trat er auch weit über die Grenzen unseres Dorfes in Erscheinung. Er wurde in den ersten Landtag des Großherzogtums Hessen gewählt. Als grundsätzlicher Gegner der Fürstensouveränität und Befürworter der Volkssouveränität wurden in dieser frühen Phase der Landtage allenfalls drei oder vier Abgeordnete eingeschätzt, die dies während ihrer Abgeordnetentätigkeit klar erkennen ließen. Dazu zählte der Gimbsheimer Gutsbesitzer und Bürgermeister Johann Nikolaus Mahlerwein. Er verweigerte den Eid und wurde daher vom ersten Landtag 1820/21 ausgeschlossen. Mahlerwein war dann Abgeordneter des dritten, vierten und sechsten Landtages von 1826 bis 1830 und 1834.

Seine Nachkommen bewohnten das Steinhaus in der Hauptstraße bis zum Jahr 1903. Dann ging es als Stiftung in den Besitz der evangelischen Kirche über und wurde Wohnhaus für die Kranken- und Kinderschulschwestern.

In dieser Zeit starb die Stifterin des »Auferstehungsfensters « in der evangelischen Kirche, Fräulein Maria Mahlerwein. Ihre Erbin war ihre Schwester, Frau Pfarrer Keller, geborene Mahlerwein, in Darmstadt. Diese ihrer Heimat wohlgesonnene Frau bot das ganze Mahlerweinsche Anwesen, ein zweistöckiges Wohnhaus mit großer Scheune, zum Geschenk an, um es zu einem evangelischen Gemeindehaus mit Kinderschule, Diakoniestation, Konfirmandensaal und der Volksbibliothek zu machen. Frau Pfarrer Keller wurde bis zu ihrem Lebensende die Wohnung im ersten Stock und eine jährlich an sie zu zahlende Rente zugestanden. Der Kirchenvorstand nahm das Geschenk an und beschloß unter Zustimmung der Kirchengemeindevertretung, die Mahlerweinsche Wohnung zu oben genanntem Zweck umzubauen. Hier sei noch ein hochherziges Vermächtnis erwähnt. Maria Mahlerwein, die im Februar verstorben war, vermachte testamentarisch der evangelischen Kirchengemeinde 4.000 Goldmark, nämlich 2.000 Mark Diakoniekapital und 2.000 Mark Armenkapital.

Das evangelische Gemeindehaus ist die »Gute Stube« der Kirchengemeinde. Hier finden mancherlei Gruppen Unterkunft. Kirchenchor und Posaunenchor haben von jeher ein Zuhause gehabt, ebenso die Frauenhilfe und die Gruppen der Jugend. Die Konfirmanden treffen sich jede Woche dort mit dem Pfarrer zur Vorbereitung auf die Konfirmation. Auch finden öfter theologische Arbeitskreise, Predigtvorbereitungen, Laienspielkreise und Bibelstunden in seinen Räumen statt. Der Kindergottesdienst findet abwechselnd in Kirche und Gemeindehaus statt. Es ist ein Gemeindehaus, das für viele Menschen weit offene Türen hat. Ältere Menschen können dort ihre Freizeit sinnvoll in der Gemeinschaft verbringen. Die Räumlichkeiten werden viel benutzt für Familienfeiern, Jubiläen von Gemeindemitgliedern und sonstigen, der Würde des Hauses en­sprechenden Veranstaltungen.