Gimbsheim und der Rhein


Der Rhein spielte in der Geschichte unseres Dorfes eine außergewöhnliche Rolle. Gab er mit seinem Fischreichtum den Anwohnern ein wichtiges Nahrungsmittel / war sein Wasser für den Menschen, Vieh und Pflanzen lebensnotwendig.

Der Rhein war auch ein wichtiger Verkehrsweg für die Schiffahrt, die seit der Römerzeit betrieben wurde. Aber er konnte auch seine schlechten Seiten zeigen. Hochwasser und Überschwemmungen bedrohten oft den Menschen und seinen Besitzstand. Er strömte ungezähmt und unkontrollierbar dahin und richtete oft großen Schaden an. Der wechselnde Wasserstand des Rheines machte das Rheintal nur an bestimmten Stellen bewohnbar. Gimbsheim lag 3-4 Meter über dem normalen Wasserstand des Rheines. Bei den jährlichen Hochwassern war unser Dorf nicht gefährdet. Alle zehn Jahre rechnete man mit einem größeren Hochwasser. Da stand das Wasser bis an die Häuser heran, auch manchmal einige Zentimeter hoch in den Straßen. Damit wurden die Gimbsheimer aber leicht fertig. Ein- oder zweimal in einem Jahrhundert ab es ein gewaltiges Hochwasser. Dann war die Rheinebene ein einziger großer See. Nur die höchsten Erhebungen in der Gemarkung, die Sandhügel und der Gimbsheimer Sand, die sechs Meter über dem Normalwasserstand des Rheines liegen, waren dann noch hochwasserfrei. Bei solchen großen Hochwasserfluten entstanden Sachschäden und auch Tierverluste. Aber diese Katastrophen wurden als unabänderlich hingenommen und konnten die Besiedelung nicht verhindern.

Bis ins 14. Jahrhundert lag Gimbsheim am »offenen Rhine«. Es war damals ein Reihendorf, dessen Häuser entlang des Ufers errichtet waren, so daß man, aus dem Haus tretend, in den Nachen steigen und zum Fischfang auf den offenen Strom fahren konnte. Da der Ort auf halbem Weg zwischen Oppenheim und Worms lag, befand sich hier eine Pferdewechselstation. Die Oppenheimer Pferde, die eine halbe Tagesreise hinter sich hatten, wurden hier ausgeschirrt, bekamen Futter und kehrten später zurück. Die nächste Halbtagsstrecke besorgten dann die Gimbsheimer Pferde. Hier gibt es den schönen Ausdruck »die Pferde springen über den Rhein«. Bei Oppenheim wurden die Pferde auf das Schiff gebracht, und man steuer­te, wobei man dabei natürlich etwas zurückgetrieben wurde, das rechte Rheinufer an. Nun ging es weiter über Erfelden und Stockstadt, mußte nun infolge sumpfigen und unbegehbaren Ufers wieder wechseln und kam so zur linken Rheinseite nach Gimbsheim.

Dann kam wieder eine gewaltige Hochwasserflut. Wahrscheinlicher Auslöser dieser Katastrophe war eines der letzten großen Erdbeben im Rheingraben. Schweizer Akten besagen, daß Mitte des 14. Jahrhunderts die Stadt Basel durch dieses Naturereignis zerstört wurde. Eine große Flutwelle erfaßte das ganze Rheintal, Inseln wurden weggerissen und neue entstanden. Der Rhein änderte an vielen Stellen seinen Lauf. Einige Jahrzehnte danach finden wir nur noch die Eintragungen »Gimbsheim am alten Rhine«. Nun floß der Hauptstrom 2 Kilometer vom Ort entfernt. Der alte große Rheinbogen von Eich nach Gimbsheim war zum Altrhein geworden. Noch heute haben wir dort den alten Leinpfad, Uferweg sagen die Gimbsheimer zu ihm.

Von besonderer Bedeutung für Gimbsheim war der Rheindurchstich, der den Kühkopf zu einer Insel machte. Bei der Planung dieses Vorhabens gab es Widerstand von Gimbsheimer Seite. Der damalige Bürgermeister Johann Nikolaus Mahlerwein war gegen das Projekt und stimmte dagegen. Als grundsätzlicher Gegner der Fürstensouveränität und Befürworter der Volkssouveränität wurden in der frühen Phase der hess­schen Landtage allenfalls drei oder vier Abgeordnete eingeschätzt, die dies während ihrer Abgeordnetentätigkeit klar erkennen ließen, dazu zählte der Gimbsheimer Gutsbesitzer und Bürgermeister Nikolaus Mahlerwein. Er verweigerte den Eid und wurde daher vom ersten Landtag 1820/21 ausgeschlossen. Mahlerwein war dann Abgeordneter des dritten, vierten und sechsten Landtages von 1826-1830 und 1834.

Wir lesen oft in Schriften, aber auch in amtlichen Aufzeichnungen, vom Rheindurchstich am Geyer. Dies wohl, weil in dem zu stechenden Gebiet als wichtigster Teil der Geyer lag. Es war eine Insel, die nur durch einen schmalen Rheinarm vom Gimbsheimer Gebiet getrennt war. Auf diesem früher wertvollen Stück Land hatten die Gimbsheimer von alters her Nutzungsrechte. Diese berechtigten sie, Obst, Gras und Brennholz zu holen, sie besaßen auch das Vorrecht auf Kauf von Eichenstämmen. Dazu kam noch das Weiderecht für Schweine zur Eichelmästung. Die sich daraus ergebenden Einnahmen waren nicht unerheblich. Im Mittelalter war dieses Recht auf den Geyer oftmals gefährdet und schwer umkämpft. In zahlreichen Prozessen gelang es doch immer wieder, den Besitzstand auf dieser Insel zu verteidigen.

Nach langwierigen Verhandlungen setzten sich doch die Befürworter der Stromregulierung durch, und so konnte am 31. März 1828 mit den Arbeiten begonnen werden. Bei der Anlegung des Durchstichs wurde nicht die ganze Breite des Stromes durchgegraben, sondern nur ein Graben von zwei Metern Tiefe und 15 Metern Breite hergestellt. Die Länge des Grabens betrug 4.350 Meter. Gleichzeitig warf man mit der ausgegrabenen Erde Dämme auf. Schwierigkeiten machte lediglich eine Lettenschicht. Hier mußte später noch einmal nachgearbeitet werden, um sie durch Unterspülung zum Einsturz zu bringen. Eine schmale Landzunge, verstärkt durch Eichenbohlen, trennte dann noch den Rhein vom Graben. Im April 1829 wurde dieses Hindernis durchbrochen. Nun ergoß sich das Wasser in den Kanal, und der Fluß wurde sich selbst überlassen. Er leistete die Hauptarbeit. Eine Karte, die im Gimbsheimer Heimatmuseum liegt, zeigt uns, daß vier Jahre später der Rhein bereits eine Breite von 65 Metern hatte. Aber es dauerte immerhin noch 40 Jahre, bis der Strom seine endgültige Breite von 300 Metern erreicht hatte.

Link zu: die Geschichte des Rheindurchstichs

Es wurde uns berichtet, daß beim Ziehen der Bohlen nicht alles so verlaufen sei, wie es geplant war. Jedenfalls wurden nicht alle Bohlen entfernt, und diese bildeten noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine Gefahrenquelle für die Schiffahrt. Manches Seil, das vom Schlepper zum Schleppkahn zu tief im Wasser hing, blieb an den Eichen­stämmen hängen und zerriß, zumal die Schiffe an dieser Stelle von der einen zu der anderen Stromseite wechseln mußten. Die Schiffe verkürzten ihre Route stromaufwärts um eine halbe Tagesreise und stromabwärts auf 4-6 Stunden. Andererseits waren Felder und Wiesen auf der nun rechten Rheinseite nur noch mit Fähre und Kahn zu erreichen.

Guntersblumer und Gimbsheimer Besitz kam auf die neu entstandene Insel Kühkopf zu liegen. Damit mußte auch das Problem der Überquerung des Stromes gelöst werden. Da Guntersblum den größeren Anteil Land auf dem Kühkopf hatte, erhielt es die Wagenfähre. Um jedoch den Gimbsheimern den weiten Weg über die Guntersblumer Fähre zu ersparen, wurde bei Stromkilometer 470 eine Personenfähre eingesetzt.

Das Recht und die Pflicht des Fährbetriebs wurde der Gemeinde Gimbsheim übertragen. Sie bestellte den Fährmann und handelte mit ihm den Fährvertrag aus. Eine Unterkunftshüte für den Fährmann wurde auf dem Damm gebaut. Heute dient dieses aus einem Raum bestehende Häuslein der Dammwache als Unterkunft und Geräteraum.

Jeden Tag mußte der Fährmann den 2 Kilometer langen Weg von Gimbsheim zum Rhein zurücklegen. Es gab während des Jahres kaum eine Pause im Fährbetrieb. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein wurde die Fähre von den Bauern benutzt, die ihre Wiesen und Felder zu bestellen hatten. Auch in der Winterzeit mußte wegen der anfallenden Holzarbeit übergesetzt werden. Am Abend wurde der Nachen die Seebachmündung hinaufgezogen und dort an der »Schließe« befestigt. Morgens ruderte der Fährmann dann wieder 300 Meter weit den Seebach hinunter, um von dort aus überzusetzen. Genau 100 Jahre wurde gerudert.